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Essay Tierwürde
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Essay über die Würde des Tieres



 

von Christian Bock, Philosophiestudent

 

 

 

Die Würde des Tieres ist ein sehr neuer Begriff aus der Philosophie. Ganz anders ist dies beim Begriff der Menschenwürde. Die Menschenwürde ist eines der zentralsten und unbestrittensten Themen der Ethik und aus keiner modernen Gesellschaft wegzudenken. Die Würde des Menschen gilt bei uns als unantastbar, was etwas klarer bedeutet, dass wir Handlungen, die die Menschenwürde verletzen, auf keinen Fall tolerieren dürfen. Dieses Essay soll in diesem Kontext folgende Fragen beantworten:

 

1. Was bedeutet es überhaupt, wenn ich behaupte, dass Tiere eine Würde besitzen?

2. Wie / warum ist ein Würdebegriff beim Tier wichtig?

 

Der erste Teil ist so zu verstehen, dass er erst einmal einleitend erklärt, was der Würdebegriff beim Tier überhaupt meint. Warum besitzen Tiere eine Würde? Behandeln sich Tiere überhaupt würdevoll untereinander? Wird dem Tier Würde „verliehen" oder besitzt es die Würde von Natur aus?

 

Nachdem ich also zu klären versucht habe, was der Würdebegriff beim Tier bedeutet, komme ich beim abschließenden Teil, welcher sich mit der Frage befasst, wie sich die Würde des Tieres auf das menschliche Leben auswirken soll. Wie darf ich mit Tieren umgehen? Inwieweit darf ich sie benutzen?

 

Teil 1:

Die Würde des Tieres ist mit Sicherheit kein leicht einzugrenzender Begriff. Wann benutzen wir denn den Begriff der Würde beim Tier überhaupt? Denn eine Unterstellung mache ich: Wir haben alle zumindest eine Vermutung, was gemeint ist. Und auf genau diese Vermutung kommt es an. Ich möchte in diesem Abschnitt keine scharfen Grenzen ziehen, keine Definition versuchen. Eine Vermutung reicht mir und ist für unseren Zweck auch viel angemessener. Denn mit dieser Vermutung können wir weiterarbeiten.

 

Die Würde des Tieres besagt grob gesagt, dass das Tier in sich einen gewissen Wert besitzt. Bevor wir zu abstrakt werden, versuche ich es anders zu verdeutlichen. Wir stellen uns vor, jemand würde uns befehlen: „Schlag‘ den Hund!" Warum würden wir verweigern? Oder vielmehr, warum würden wir schon alleine den Satz (geschweige denn die Tat) als unmoralisch bewerten? Dem Hund scheint so etwas wie ein Recht zuzukommen, das ihn vor der Rechtfertigung solchen Schadens schützt.

 

Die Menschen haben also ein Unrechtsbewusstsein entwickelt, das erkennt, wenn die Würde des Tieres verletzt wird. Dennoch gibt es vor allem in heutiger Zeit Würdeverletzungen beim Tier, die mit keinem Unrechtsbewusstsein einhergehen. Dazu komme ich aber erst im letzten Abschnitt.

 

Wir halten also erst einmal fest, dass die Würde des Tieres einfach nur meint, dass das Tier einen inneren Wert besitzt, weswegen es entsprechend behandelt werden sollte. Ich kann Tiere und andere Lebewesen nicht behandeln wie Gegenstände, auch wenn es viele so machen. Ein Lebewesen hat stets das Recht, mit einer entsprechenden Würde behandelt zu werden.

 

Einen Einspruch, den man oft hört, ist folgender: In der Natur passieren die grausamsten Dinge. Man braucht sich nur eine Spinne, eine Schlange oder ein vergleichbares Raubtier anzuschauen und man sieht, dass diese Tiere zu den grausamsten Taten bereit sind, um an ihre Beute zu kommen. Von der Würde des Beutetieres scheinen diese Tiere noch nie gehört zu haben. Warum also sollte der Mensch verpflichtet sein, dem Tier eine Würde zuzusprechen, wobei das Tier doch eben diese Würde in der Natur versagt bekommt?

 

Dieser Einwand führt zu der simplen Frage: Was unterscheidet uns prinzipiell vom Tier? Hier könnte man viele Dinge angeben, die zunächst so klar erscheinen, dass man sie gar nicht zu erwähnen braucht. Menschen bauen Häuser, Siedlungen, Städte, benutzen kompliziertes Werkzeug, schmieden Pläne, machen Witze, können sich in andere einfühlen und so weiter und so fort. Jedoch wird man bei den meisten Dingen feststellen, dass sie sich nur graduell von Tieren unterscheiden. Soll heißen: Der Mensch benutzt zwar komplizierte Werkzeuge, doch manche Tiere benutzen auch einfache. Der Mensch gründet Metropolen, die aber auch schon in Form von Kolonien bei den Tieren zu finden sind.

 

Letztendlich kann man aber zumindest einen ganz klaren Punkt nennen: die Fähigkeit moralischen Denkens. Nur der Mensch kann seine Handlungen reflektieren und sich fragen, ob sie richtig waren oder nicht. Ein Tier hat nicht die Wahl, ob es den richtigen oder falschen Weg einschlagen oder ob es dieser oder jener Handlung zustimmen soll. Das Tier tut, der Mensch denkt. Was hat das nun mit der Würde des Tieres zu tun? Es geht einfach darum, dass jeder Würdebegriff ein handelndes und bewertendes Subjekt voraussetzt, das eine Handlung erst als würdevoll oder nicht identifizieren kann. Eine würdeverletzende Handlung würde also zwangsläufig bedeuten, dass jemand handelt, der sich der Würdeverletzung prinzipiell bewusst ist oder zumindest bewusst sein könnte.

 

Ein kleines Kind etwa geht anders mit Tieren um als ein Erwachsener, denn es muss das moralische Denken noch entwickeln, das zum richtigen, würdevollen Umgang mit Tieren notwendig ist. Man könnte zum Beispiel sagen: „Sei nicht sauer auf das Kind. Es weiß es nicht besser." Ein solcher Satz unterscheidet sich jedoch von dem Satz: „Sei nicht sauer auf die Spinne. Sie weiß es nicht besser." Der erste hat einen Sinn, beim zweiten würden die meisten zu recht stutzen. Jeder (gesunde) Mensch besitzt das Potenzial, Dinge moralisch bewerten zu können, und nur so kann ein Begriff wie Würde überhaupt entstehen.

 

Somit ist klar, dass jedes Tier ein anderes weder würdevoll noch würdeverletzend behandelt. Solche Handlungen setzen stets eine moralische Urteilsfähigkeit voraus, die Tiere nun einmal nicht haben. Und dennoch haben wir Menschen aufgrund unserer Fähigkeit, Handlungen moralisch bewerten zu können, die Pflicht, Tiere würdig zu behandeln. Denn diese Fähigkeit bringt nicht nur Verantwortung den Mitmenschen, sondern allen Lebewesen gegenüber.

 

Wir halten also fest, dass die Würde des Tieres bedeutet, dass das Tier einen inneren Wert besitzt, weswegen es das Recht hat, würdevoll behandelt zu werden. Eine solche Würde käme dem Tier nicht zu, wenn es keine Menschen gäbe. Nur durch Handlungen vom Menschen dem Tier gegenüber wird ein solcher Würdebegriff möglich und nötig.

 

Teil 2:

Reicht es denn nun, das Tier vor Schmerzen zu schützen? Oder geht die Würde des Tieres darüber hinaus? Würde die Würde nur den Schutz vor Schmerzen legitimieren, dürften wir praktisch alles mit Tieren machen, was wir möchten. Denn man kann die Frage stellen: Was passiert, wenn wir Tiere züchten könnten, die keine Schmerzen mehr empfänden? Wir dürften zwangsläufig alle bestialischen Handlungen mit ihnen tun, die wir wollten. Wenn das Tier nicht imstande ist, Schmerzen zu spüren, hat das Tier keinen Schutz mehr. Das Schmerzempfinden würde so zur einzigen Stütze für das Tier. Wenn es keinen Schmerz mehr empfindet, ist es dem Menschen machtlos ausgeliefert. Klingt das nicht schon eigenartig?

 

Besagt die Würde des Tieres nicht einiges mehr als der simple Schutz vor Schmerzen? Man könnte sich beispielsweise die Frage stellen: Was unterscheidet das Klonen eines Menschen von dem Klonen eines Schafes? Man wird hierauf keine Antwort finden, zumindest keine vernünftige. Wenn der Mensch sagt, dass das Forschen an menschlichen Embryonen irgendwie falsch wäre, warum hat er dann kein Problem damit, wenn Tiere geklont werden, oder wenn tierische Embryonen der Forschung zum Opfer fallen? Genforschung und Ähnliches haben nichts mit der Würde des Tieres zu tun. Sie tut dem Tier keine Schmerzen an, aber mit Würde hat es halt auch nichts zu tun. Die Forschung würde natürlich lieber Gründe hören, warum die Genmanipulation bei Tieren moralisch in Ordnung wäre. Aber wenn man die Würde der Tiere ernst nimmt, muss man konsequenterweise sagen, dass die Genforschung einzustellen ist. Natürlich bringt sie dem Menschen große Vorteile. Aber an dem Tag, an dem die Würde der Lebewesen nicht mehr geachtet wird, verliert der Mensch das, was ihm zum Menschen macht.

 

Wenn wir aber nun wissen, dass ein einfacher Schutz vor Schmerzen nicht reicht, was reicht dann? Was heißt es, die Würde des Tieres zu achten? Eine prägnante Antwort: Ich muss das Tier im Tier sehen. Kein Instrument, aber auch keinen Menschen. Diese Antwort bedarf, so denke ich, einiger Erläuterung.

 

Den ersten Aspekt nennt man die Instrumentalisierung des Tieres. Das bedeutet, dass ich die Tiere nur als ein spezielles Mittel für einen bestimmten Zweck sehe. Genau so wie ein Messer ein Mittel ist, um ein Brot zu schneiden, oder das Auto ein Mittel ist, um den Arbeitsplatz zu erreichen. Genau so scheinen Tiere als Mittel genommen zu werden, um nicht zu frieren oder um satt zu werden. Wenn man sich die Massentierhaltung anschaut, so wird schnell deutlich, dass hier nicht mehr nach den Bedürfnissen der Tiere geschaut wird, sondern nur nach einer möglichst produktiven Zweckerfüllung. Es geht nicht darum, wie man die Hühner artgerecht behandeln kann. Es geht nur darum, wie man seine eigenen Kosten im Zaum hält. Oder beim Transport von Schweinen: Stirbt eines davon, ist dies bloß ein kleiner finanzieller Ausfall, sozusagen ein verkraftbarer Verlust.

 

Ich behaupte nicht, dass wir durch die Würde des Tieres dazu gezwungen sind, auf Fleisch oder auf Leder zu verzichten. Doch eines sollte dabei zu beachten sein: Wenn ich ein Tier nutze, so muss ich wenigstens dafür sorgen, dass es ein würdevolles Leben hatte. Denn selbst der Mensch dient als Mittel zum Zweck. Wenn ich Angestellte habe, dann sehe ich in ihnen als erstes Arbeitskräfte, von denen ich mir einen gewissen Vorteil verspreche. Aber es sind keine Sklaven! Das heißt, ich muss in ihnen auch den Menschen sehen. Und genau so ist es auch bei Tieren.

 

Es ist natürlich nun überspitzt, von einer modernen Sklavenhaltung von Tieren zu sprechen, weil der Begriff Sklave nun einmal auf Menschen zu beziehen ist – mit allen damit verbundenen Konsequenzen. Aber eine Analogie lässt sich dennoch ziehen. Denn wenn wir in Tieren nur die Instrumente, also die Mittel sehen, so sind wir Sklavenhaltern in einigen Punkten ähnlich. Wir müssen also die Nutzung von Tieren nicht verbieten, aber bei dieser Nutzung das Tier auch als Tier sehen und nicht als mechanisches Werkzeug. Denn die Tatsache, dass ein Tier sich nicht gegen unsere Behandlung wehren kann, legitimiert auf keinen Fall den Umstand, dass wir es behandeln können, wie wir wollen.

 

Der letzte Aspekt, den ich im Rahmen dieser Arbeit ansprechen möchte, ist ein nicht zu unterschätzender Punkt, der im Gegensatz zum restlichen Teil der Arbeit meines Erachtens auf keinen Fall sofort einleuchtet. Es geht um die Vermenschlichung und warum sie eine Würdeverletzung des Tieres darstellt. Anlass zu diesem Abschnitt gab mir folgender Fall:

Der Oktopus Paul. 

Zu internationalem Ruhm gelang er, indem er während der vergangenen Fußball-Weltmeisterschaft auf die Siegermannschaft vor einem Spiel tippte. Bei acht Versuchen lag er achtmal richtig. Die Wahrscheinlichkeit dafür beträgt also anscheinend 100%. Dass dieser Fakt für Aufregung sorgt, ist einerseits verständlich. Andererseits hätte es aus meiner Sicht gar nicht dazu kommen dürfen. Wie kommt der Mensch dazu, ein Tier als Orakel für den Ausgang für Fußballspiele zu nutzen? Das kann nur der eigenen Unterhaltung dienen und obwohl es niemandem so scheint, ist dies eine gravierende Würdeverletzung nicht nur des Tieres, sondern auch der eigenen.

 

Wie ich gezeigt habe, wird die Würde des Tieres durch den Menschen teilweise konstituiert – ohne moralfähige Wesen wäre die Würde des Tieres nicht möglich und nicht nötig. Durch Würdeverletzungen am Tier wird also automatisch auch die Würde des Menschen angegriffen, weil ja, wie gesagt, gerade der Mensch einen Teil der Würde des Tieres darstellt. Wer seinen Hund als Fußballfan verkleidet, wer einen Oktopus ein Fußballspiel tippen lässt, oder wer seinen Hund Kaviar essen lässt, verletzt also nicht nur (gravierend) die Würde des Tieres, sondern auch genau so stark seine eigene Würde. Um es möglichst pointiert auszudrücken, möchte ich Herrn Prof. Dr. Kunzmann aus seinem Buch „Die Würde des Tieres – zwischen Leerformel und Prinzip" zitieren: „Der Mensch macht sich selbst zum Affen, wenn er den Affen zum Clown macht." (genaue Quellenangabe folgt).

 

Fazit

Wir haben also gesehen, dass die Würde des Tieres ein Begriff ist, den wir alle eigentlich schon kennen, den wir aber nur nicht immer wirklich umsetzen. Er geht über eine Schmerzprävention hinaus in eine Behandlung des Tieres als Tier. Und das bezieht sich nicht nur auf eine Instrumentalisierung, sondern auch auf die Vermenschlichung von Tieren. Da der Mensch die Würde des Tieres teilweise konstituiert, geht eine Würdeverletzung des Tieres immer mit einer des Menschen einher. Die Würde des Tieres zu achten, ist also nicht nur im Sinne des Tieres, sondern auch im Sinne des Menschen.

 

Mit diesen Worten beende ich meinen Aufsatz und hoffe, dass er den einen oder anderen zum selbstständigen Nachdenken angeregt hat. Ich hoffe, dass die Kürze des Aufsatzes dem Verständnis nicht allzu abträglich ist, weil manche Gedankengänge schon ein wenig in die Tiefe gehen. Für Nachfragen stehe ich selbstverständlich zur Verfügung.